Wenn ich bleibe, muss ich sterben
„Beverly, obwohl ich geplant hatte nur einen erholsamen Urlaub im beschaulichen Örtchen Trüberbrook zu verbringen, werde ich nicht zurückkehren. Vielleicht wirst du diese Aufzeichnungen nie erhalten. Dennoch ist es mir wichtig, dir meine Geschichte zu erzählen und die Gründe für meine Entscheidung darzulegen.
Es betrübt mich, daran zu denken. Gretchen war eine Gefangene ihrer selbst und nicht durch und durch böse. Sie aufgehalten zu haben, fühlt sich nur bedingt wie ein Sieg an. Hauptsächlich tut es mir leid für sie. Doch was hilft es darüber nachzudenken, wie die einstige Weggefährtin jetzt allein im Weltennetzwerk verschollen ist? Sie hätte vielleicht unsere Welt zerstört.
Du verstehst nicht, was ich dir sagen will? Ich bin wahrscheinlich zu schnell, zu konfus. Schließlich bin ich Physiker und Worte sind nicht unbedingt mein Spezialgebiet. Also noch einmal langsam: Gretchen stellte sich mir als Anthropologin vor. Sie war die einzige andere Reisende hier, weshalb ich mich sofort mit ihr verbunden fühlte, trotz ihrer etwas forschen Art. Sie erzählte mir, dass sie eine protogermanische Kultstätte in den Bergen suche und bat um meine Hilfe. Da ich vermutete, dass der Dieb in dieselbe Richtung geflohen war, tat ich alles, sie zu unterstützen. Gretchens Interesse war allerdings nicht wissenschaftlicher Natur. Sie wusste von dem Portal, das dort unten verborgen lag und von der Millenium-Kooperative, die daran geforscht hatte. Bereitwillig hat sie mich machen lassen, hat gewartet bis ich alle Steine aus dem Weg geräumt, alle Türen geöffnet hatte. Wahrlich, sie hat mich hinters Licht geführt. Ich kann dir sagen, Beverly, dass ich schreckliche Angst hatte, als Gretchen diese Waffe auf mich richtete. Nie zuvor habe ich Augen so von Wahnsinn und Gier glitzern sehen. Ich glaube nicht, dass sie töten wollte, aber eins wurde mir klar: Diese Frau war extrem gefährlich.
Aber sie ließ mich gehen. Sie ließ uns gehen. Oder glaubte sie, uns einzusperren? Entschuldigung, ich verliere den Faden. Plötzlich war da dieser Fremde, Beverly, er stand einfach beim Portal und ich erkannte ihn sofort als den Dieb. Es muss seltsam klingen, doch ich trug ihm die Tat keine Sekunde nach. Im Gegenteil muss ich gestehen, dass mich dieser blasse Mann mit der sanften Stimme faszinierte. Er hatte etwas an sich, das ich nie zuvor bei jemandem gesehen hatte, eine Aura der Einzigartigkeit.
Lazarus Taft war sein Name und als er mir erklärte, dass er aus einer anderen Welt stamme, glaubte ich ihm sofort. Er selbst war einst aus dem Portal gekommen und seitdem suchte er einen Weg zurück. Zugegeben, ich genoss die Ehrlichkeit, mit der er mir alles beichtete. Möglicherweise erschien er mir deshalb von Anfang an so anders. Lazarus machte keinen Hehl aus seinen Fehlern und beantwortete mir geduldig alle Fragen, trotz seines offensichtlich schlechten Zustandes. Sobald wir zusammen im Aufzug standen und vor Gretchen flohen, war es als würden wir uns ewig kennen. Beverly, er hat Unvorstellbares zu berichten gehabt. Dinge von der anderen Seite, welche mein Herz höherschlagen ließen. Wie von selbst haben wir angefangen, uns zu duzen. Bemerkenswert wie er mich ‚Hans‘ nannte, fast liebevoll.
Ich mussten ihn die Stufen zum Dorf hinunter stützen und war aus irgendeinem Grund erleichtert, dass der Empfang der Pension unbesetzt war. Ich glaubte, es wäre besser, wenn niemand von meinem Gast wüsste. Nachdem ich mich einer erstaunlich frischen Dusche hingegeben hatte, schlief der Fremde, der mir schon ein Freund geworden war. Es tut mir leid, dir das Folgende so unverblümt mitzuteilen, doch es ist Teil der Geschichte und ich schäme mich nicht:
Eigentlich wollte ich seine Pläne studieren, um unser gemeinsames Ziel voranzutreiben, doch stattdessen setzte ich mich zu ihm auf das Bett. Zuerst beobachtete ich nur, wie überraschend ruhig sein Atmen ging. Dann bemerkte ich das seltsam grünliche Glänzen, welches zähflüssig auf meinen Koffer tropfte. Es hatte keinen Anfang und kam doch von seinem Körper. Ich muss zugeben, dass meine Neugier siegte und ich die Flüssigkeit berührte. Sie war kalt und kribbelte. Und sie rann mir durch die zitternden Finger, ohne Rückstände zu hinterlassen. Die Zeit drängte, Gretchen war beim Portal und konnte jeden Moment einen fatalen Fehler begehen, Lazarus‘ Leben und das der Welt hingen davon ab, dass ich die nötigen letzten Teile des Quantendiskriminators – so nannte man in seiner Welt das Ding, mit dem man Portale steuerte – schnell zusammensuchte, aber ich verharrte.
Wie von selbst strichen meine Finger die dunklen Strähnen aus dem blassen Gesicht. Du musst das verstehen. Plötzlich ist da diese Person, die dir sagt, dass alles real ist, woran du dein Leben lang geforscht hast und die dich wirklich braucht, die alles dafür gegeben hat, dich zu treffen. Als ich die Münze in der Miene fortwarf hatte ich mir gewünscht, jemanden zu finden, an dem mir wirklich etwas liegt. Mit diesem Ausgang habe ich jedoch nicht gerechnet.
Seine langen schwarzen Wimpern zuckten und ich konnte die Hand nicht schnell genug von der Wange nehmen, ehe er erwachte. Erst war er verwundert, aber dann lächelte Lazarus. Sein Blick blieb an meiner nackten Brust hängen und ich errötete. Ich hatte nur ein Handtuch um die Hüften gewickelt und meine feuchten Haare tropften auf die Decke. Der wunderbare Lazarus nahm mir schließlich jeden Grund, in der Verlegenheit zu verweilen. Noch etwas müde erzählte er mir, wie froh er sei, mich endlich kennengelernt zu haben und dass ich jede Erwartung übertreffen würde. Ich darf dabei nicht vergessen, zu erwähnen, dass er es war, der meine Hand wie selbstverständlich nahm. Ich frage mich, ob eine Beziehung zweier Männer, da wo er herkommt, normal ist. Tante Lotti würde mich jedenfalls schelten, hätte sie uns so gesehen.
Der darauffolgende Kuss – so ehrlich muss ich sein – war intensiv und für einen Moment vergaß ich meine Queste vollkommen. Ich öffnete die Augen auf ihm liegend. Er schnappte nach Luft. „Hans, dafür ist jetzt keine Zeit“, waren die Worte, die mich wieder zur Vernunft brachten. Ich starrte auf den seltsamen Glibber, der sich wie Blut weiterhin am Boden ansammelte und entschuldigte mich. Doch Lazarus konnte mir versichern, dass nicht ich der Grund dafür sei. Er sagte, er wollte, dass ich in erster Linie die Welt rette und wenn es ging, dann auch ihn. Seine Bescheidenheit gefiel mir von Anfang an. Ich musste mich beeilen, damit sein Körper nicht weiter zerfallen konnte, in dieser für ihn falschen Dimension.
Während der langwierigen Besorgungen für den Quantendiskriminator, saß mir die Zeit wie nie zuvor im Nacken. Beverly, endlich hatte ich jemand besonderen gefunden, aber er würde sterben, war ich nicht schnell genug. Je länger sich die Suche zog, desto größer wurde meine Sorge um Lazarus. Wieder und wieder ging ich zu ihm, um mich davon zu überzeugen, dass er noch bei Kräften war. Und jedes Mal wurde es schwerer, ihn alleinzulassen. Bereits zu diesem Zeitpunkt, war ich mir sicher, dass ich seinen Doppelkopfgeschichten ewig zuhören könnte. Ein weiteres Mal berührten wir uns nicht. Ich ließ ihn in meinem Bett liegen und hoffte mit meinem ganzen Herzen, er würde nicht vorzeitig desintegrieren.
Der schwerste Moment kam, als wir Gretchen gegenübertraten und er sich von ihr fangen ließ, damit ich den Diskriminator nutzen konnte. Unfähig sie davon abzuhalten, musste ich zusehen, wie Lazarus geschlagen und herumgeschüttelt wurde. Ich denke, es war allein der Bettruhe zu verdanken, dass er bei Besinnung blieb. Doch wird es schwer sein, zu vergessen, wie er keuchend am Boden kauerte.
Beverly, ich kann es kaum glauben, der Diskriminator hat funktioniert! Unfähig, die Realität vor mir zu verarbeiten, brüllte ich wiederholt ‚Aufhören!‘ und teleportierte Gretchen wahllos durch den Raum. Mein Freund musste beschützt werden, Lazarus musste das unter allen Umständen schaffen! Wer würde mir sonst von anderen Welten erzählen und mir helfen mein Lebenswerk umzusetzen? Wer würde mich … küssen? Das vor mir waren meine realgewordenen Theorien! Ich musste lernen, das Geschehen zu ergründen. Und ich glaube kaum, dass ich mich je mit einer anderen Person so verbunden fühlen könnte.
Gretchen fiel und wird auf ewig in der Unendlichkeit gefangen sein und ich werde Lazarus folgen, ihm würde ich überall hin folgen.
Ich selbst hatte es gar nicht gewagt, diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Er wollte nach Hause zurückkehren und ich war es schon. Dies ist schließlich meine Welt, von der ich noch viel zu wenig gesehen habe. Kurz zerriss es mein Herz, ihn oben auf den Stufen stehen zu sehen, verschwitzt und dreckig, aber mit neuer Kraft. Er hätte nur einen Schritt machen müssen und schon wäre er fort, verschluckt von der wabernden Unendlichkeit. Doch, oh Beverly, Wunderbares kann ich dir berichten. Der geschundene Mann, welcher eine Ewigkeit auf mich gewartet hatte und nicht einmal wusste, ob ich überhaupt komme, nahm sich noch einmal für mich Zeit.
Er war bereits im Begriff sich umzudrehen und für immer zu verschwinden, da rief ich ihm nach. Ich konnte ihn nicht gehen lassen, nicht, nachdem er mein Leben so verändert hatte, nicht ohne zu wissen, ob es eine Möglichkeit gab, sich wiederzusehen. In einer perfekten Welt hätte er bleiben können, aber das war unmöglich. ‚Ich würde dir gerne Antworten auf all deine Fragen geben, aber wenn ich bleibe, muss ich sterben.‘ Das sagte er und ich fürchtete schon, dass der endgültige Abschied folgen würde. Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass es anders kam. Aus dem Nichts bot er mir an mitzukommen. Ich würde dir gerne sagen, dass ich widerstehen konnte, aber ich habe mich längst entschieden.
Wie du hoffentlich jetzt verstehen kannst, werde ich das Angebot annehmen. Nicht wegen meiner Arbeit oder all der ungeklärten Fragen, sondern weil ich etwas für diesen Mann empfinde, das ich nie zuvor gefühlt habe. Jeden Moment werden wir gemeinsam das Portal durchschreiten. Ich fühle keine Angst gegenüber dem großen Ungewissen, das dort auf mich wartet, denn solange Lazarus an meiner Seite ist, bin ich glücklich.
Leb wohl, Beverly.“

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