Was danach geschah – Schwarze Nacht

1. Schwarze Nacht

Meine Schritte beschleunigten sich, als ich das Handy aus der Hosentasche zog, um erneut auf die Uhr zu blicken. 01:46 Hastig rannte ich die letzten Stufen hinunter und ließ das Bibliotheksgebäude der Universität in Quantico hinter mir.
  Das konnte nicht sein. Ich hatte die Zeit vergessen – und das nicht zum ersten Mal. Im Lauf streifte ich mir die Jacke über, auch wenn es nicht wirklich kalt war und suchte meinen MP3 Player. Immer wenn ich nachts allein nach Hause gehen musste, konnte ich so dieses ungute Gefühl vertreiben, das im Dunkeln Gestalt annahm. Bevor ich über die Straße eilte, hielt ich an. Wieso hatte ich es so eilig? Es war viel zu spät, um einen Bus zu bekommen und meine Beine schmerzten vom unbequemen Sitzen. Außerdem litt meine Schulter unter dem Gewicht der Tasche, die mal wieder mit Büchern vollgestopft war.
  So stand ich nun da, mitten in der Nacht und überlegte welchen Weg ich einschlagen sollte. Es gab die Route durch den Park, das war am schnellsten oder an der Straße entlang. Als ich zwei Mal hintereinander gähnen musste, entschied ich mich für den Park, ich kam schließlich an keinem Friedhof vorbei.
  Leise zur Musik summend ging ich quer über den Kiesweg, ich wollte einfach nur nach Hause. Ich bin es ja selbst schuld! Aber abends kann ich nun mal am besten arbeiten. Ich konnte den Spott meiner Freunde beinah spüren, wenn ich morgen verschlafen in der Vorlesung sitzen würde. Sie hatten immer wieder versucht, mich auf Partys mitzunehmen, doch dazu hatte ich keine Zeit. Nicht, dass ich nicht gern gefeiert hätte, ich stand bloß kurz vor der Fertigstellung eines wichtigen Papers. Und solche Paper oder Arbeiten gab es irgendwie immer. Es war ein Wunder, dass ich überhaupt Freunde hatte.
  Der alte steinerne Springbrunnen mit der Skulptur eines Wassermannes tauchte zu meiner Linken auf, als die Musik in meinen Ohren plötzlich versagte.
  „Mist, der Akku …“, fluchte ich leise. Und in dem Moment, in dem ich auf das Display sah und das rot blinkende Symbol entdeckte, hörte ich ein Geräusch. Es war ein so grauenvoll klingender Schrei, dass mein Herzschlag sofort schneller wurde. Doch das Schlimmste daran war, dass der Laut, von dem ich mir in diesem Moment bereits sicher war, dass er sich tief in mein Gedächtnis einbrennen würde, abrupt unterdrückt wurde. Ich nahm nur noch ein gedämpftes Stöhnen wahr. Keine Panik! Das hast du dir bloß eingebildet. Geh einfach weiter – Los geh!
  Aber ich blieb stehen. Ich konnte mich nicht rühren. Vor wenigen Sekunden hatte eine Frau versucht zu schreien, ganz in meiner Nähe. Darauf bedacht, keinen Laut zu machen, wendete ich meinen Kopf nach rechts zu den Büschen. Dort war eine alte bemalte Parkbank, die Lampe darüber, die eigentlich hätte Licht spenden sollen, war kaputt.
  Das alles fühlte sich so falsch an.
  Etwas knisterte hinter den Zweigen, ein Ast zerbrach. Ich trat einen Schritt zurück. Was war hier los? Die Angst kroch in mir hoch, lähmte meinen Verstand und ließ mich dastehen, unfähig etwas zu tun. Ich versuchte bewusst zu atmen, meinen Herzschlag zu beruhigen, doch es gelang mir nicht. Ich wusste wie laut ich sein musste inmitten dieser nächtlichen Stille.
  „Ist da jemand?“, rief ich in die Dunkelheit. Meine Stimme klang höher als sonst und kraftlos. Was tue ich hier? Ich bin allein und sollte nach Hause. Doch als sich eine dunkle Silhouette langsam in mein Blickfeld schob, ließ ich vor Schreck den MP3-Player fallen, den ich noch immer fest umklammert hielt. Ich war nicht allein.
  Natürlich nicht. Wieso bewahrheiten sich in solchen Momenten die schlimmsten Befürchtungen?
  Es war ein großer Mann, der langsam auf mich zukam. Ich habe das Messer zu spät gesehen, bemerkte es erst als es gegen meinen Hals drückte und fette Finger mich gegen einen feuchten Pullover pressten. Ich roch Eisen und Schweiß und mir wurde übel. In diesem Moment bereute ich, nie einen Selbstverteidigungskurs gemacht zu haben, aber wie hätte ich wissen können, dass ich einmal in die Arme eines Messerstechers geraten würde? Der Mann hielt mich so fest, dass meine Muskeln schmerzten, er stand jetzt hinter mir. Ich versuchte mich aus dem Griff zu winden, doch bekam nur kaltes Metall zu spüren. Etwas Warmes begann meinen Hals herunterzulaufen.
  „Wer bist du? Und was hast du gesehen?“ Die Stimme des Mannes war rauchig und er war in Rage.
  Ich fürchtete mich davor, meinen Hals auch nur so viel zu bewegen, wie es zum Sprechen nötig war, doch ich fürchte mich noch mehr vor dem, was kommen würde, falls ich nicht antwortete. „Niemand. Ich bin niemand. Ich wollte einfach nur nach Hause gehen.“
  Er lachte über meine Antwort. „Und trotzdem bist du stehengeblieben, kleine Prinzessin, “ sagte er beinah sanftmütig. Ich fühlte, wie sein Griff sich kurz lockerte und er mit der stoppeligen Wange meine streifte. Seine Lippen wanderten zum Ohr und ich spürte, wie er meinen Geruch tief in sich einsog. Ein Schauer des Ekels lief meinen Rücken herunter. Ich war gefangen.
  „Lassen Sie mich gehen!“ Es klang armselig und schüchtern, aber den Mut zu diesem Satz hatte ich mir selbst nicht zugetraut. Ob es Einbildung war oder nicht, das Messer schien nicht mehr ganz so nah an meinem Hals zu sein und der Mann hatte meinen Arm losgelassen, um unaufhörlich über meine Wange zu streichen. Ich dachte nicht darüber nach, was ich tat. Ich machte eine schnelle kraftvolle Bewegung gegen den blutverschmierten Körper hinter mir, trat und schlug um mich und tauchte unter dem Messer weg. Und dann rannte ich, ohne zurückzusehen. Meine Tasche hatte ich irgendwo verloren und ich war viel zu verwirrt, um eine Richtung auszumachen. Aber es war egal, weg – nur weg!
  Die Luft war nun stechend kalt und ich konnte kaum etwas erkennen. Wieso bin ich nicht ins Licht gelaufen? Ich rannte über rutschiges Gras, mitten durch dornige Büsche, zwischen Bäumen entlang. Doch ich kam nicht weit. Nach einem schnellen Sprung über ein Blumenbeet stolperte ich über etwas, das am Boden lag. Ich schaffte es irgendwie, kaum an Geschwindigkeit zu verlieren, machte aber den Fehler, mich umzublicken. Nicht weit entfernt, lag der Körper einer jungen Frau und ich konnte genau das viele Blut erkennen, das in der Dunkelheit schwarz war.
  Unkontrolliert geriet ich aus dem Gleichgewicht und musste einen Schrei unterdrücken. Das war keine Einbildung! Sie war es! Sie hat eben versucht zu schreien! Meine Beine versagten, ich machte eine falsche Bewegung und stolperte erneut. Diesmal konnte ich mich nicht halten. Ich landete hart, wollte aufstehen und realisierte, dass meine Hände voller Blut waren. Entsetzt versuchte ich es an meiner Jeans abzuwischen und bemerkte dabei, dass die Frau noch lebte. Sie begann zu stöhnen und sah mich mit riesigen Augen an als wolle sie mir mitteilen: Flieh! Kümmere dich nicht um mich!
  Doch ich wollte ihr helfen.
  Entgegen aller Vernunft kroch ich zu ihr rüber, redete auf sie ein, aber dann war erneut ein Messer an meinem Hals. Ich nahm plötzlich so Vieles auf einmal wahr. Deutlich war da Metall, das in meine oberste Hautschicht schnitt, ich hörte das leise Wimmern der Frau und zugleich meinen keuchenden Atem, der so unruhig ging, dass das Messer wie von selbst tiefer drang. Der schwere Geruch von Eisen hing in der Luft, sodass mein Magen sich bemerkbar machte, doch ich konnte nur auf die Verletzungen der Frau blicken. Es war zu dunkel, um zu erkennen, wie tief die Schnitte genau waren, aber der Mann hatte sich die Mühe gemacht ihre Bluse zu öffnen – eher aufzureißen – sodass ihr Oberkörper nackt war. Dort waren eins, zwei, drei, vier … mehr Stiche.
  Verzweifelt versuchte ich wegzuschauen, die Augen zu schließen und das Blut zu ignorieren, das vor allem aus einer Wunde am unteren Bauch unaufhaltsam hervorquoll, doch ich schaffte es nicht. Meine Augen sprangen hin und her, da sie das einzige waren, was ich bewegen konnte; blieben eine kurze Sekunde an ihren Augen hängen, sahen die Angst, die Panik, die Verzweiflung, den Schmerz und suchten dann weiter, suchten nach etwas, dass sich noch nicht fest eingeprägt hatte, etwas, das vielleicht Hoffnung gemacht hätte. Die Zeit schien still zu stehen.

Ich sah, wie die Hand der Frau zuckte, versuchte sich in meine Richtung zu bewegen, um mich zu berühren, doch in dem Augenblick wurde ich ruckartig an meinen Haaren zurückgezogen. Es war so plötzlich, dass ich keuchen musste. Der Schmerz weilte nur kurz und doch spürte ich, wo sich die Haare gespannt und teils gelöst hatten. Danach lockerte sich der Griff spürbar und ich fühlte seine plumpen Finger wandern. Er hatte mich so stark zurückgezogen, dass ich gezwungen war in sein Gesicht zu sehen und es war, als genieße er, was er tat. Die Frau vor mir begann, schneller und doch flacher zu atmen, sie schaffe es, mich mit kalten Fingern zu berühren, was mich wie automatisch zusammenzucken ließ.
  „Das war wirklich keine gute Idee“, erklang die Stimme hinter mir. Diesmal beunruhigend leise, fast flüsternd. Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich konnte nicht denken, nur warten. Warten, darauf dass er es endlich tun würde, es wäre nur eine kurze Bewegung seinerseits, vielleicht würde es gar nicht so wehtun und dieser Alptraum hätte hier und jetzt sein Ende. Und zugleich war mir klar, dass er es nicht schnell tun würde, er würde daraus ein Spiel machen und jetzt hatte er eine neue Mitspielerin.
  Lange strich er durch mein Gesicht, fuhr die Wangenknochen nach, bis zum Ohr und glitt dann zu meinem Nacken, um erneut an der Wange zu starten. Ich spürte seine Finger mehr als das Blut, das an meinem Hals entlanglief.
  „Nun sorgen wir erstmal dafür, dass du nicht noch einmal davonlaufen kannst.“ Er lachte. „Du hättest die andere Richtung wählen sollen, aber jetzt hast du meine Freundin kennengelernt, jetzt kann ich dich nicht mehr gehen lassen.“ Seine Augen wanderten zu der am Boden liegenden Frau, doch als er sah, dass sie mich berührte, schubste er mich wütend ins Gras, stellte einen Fuß auf meine Brust so fest, dass ich kaum atmen konnte und schlug sie. Auch wenn ich gewollt hätte, schaffte ich es nicht den Blick von ihr zu wenden. Ich lag neben ihr, sah ihr Gesicht dicht bei meinem und so sah ich auch wie stark sie der Schlag traf. Sie hatte keine Kraft mehr zu schreien, stattdessen keuchte sie und spukte Blut. Etwas davon traf mich, doch wo war ich noch nicht befleckt? Zu den Sommersprossen auf meiner Haut waren Neue – Rote – hinzugekommen.
  Ohne auf den Mann zu achten, fragte ich sie nach ihrem Namen, woraufhin sich der Fuß von meiner Brust löste und mich in die Seite trat. Den Schmerz spürte ich kaum noch. Die braunen Augen der Frau weiteten sich, sie hustete und spukte erneut Blut. Auf ihrer dunklen Haut ließ sich kaum erkennen, wo sie am schwersten verletzt war. Trotzdem schaffte sie es zu sprechen.
  „Linda Kimson, sag meiner Familie, dass ich sie liebe.“ Das waren ihre letzten Worte.
  Der Täter hatte so schnell das Messer erhoben, zu schnell, als ich es hätte verhindern können. Er beugte sich hinunter, riss ihren Kopf rum, sodass sie ihn statt mir ansah und stach in ihren Hals. Ich war dankbar, dass ich ihr nicht ins Gesicht sehen musste, als ihr Augenlicht erlosch, jedoch entkam ich diesem letzten erstickten Laut nicht.
  Als er sich wieder zu mir wendete, war sein Pullover blutgetränkt, der Blick reiner Wahn. Ich wusste, dass er nun mit mir beginnen würde. Ich wäre am liebsten gestorben, anstatt dort zu liegen und mich zu fragen, wie sich ein Messer tief in den Eingeweiden wohl anfühlte. Meine Familie kam mir in den Sinn und ich dachte noch, dass ich sie seit Monaten nicht gesehen hatte – dann kamen die Tränen. Es begann mit einem Beben, welches meinen ganzen Körper erschütterte und dann musste ich heftig schluchzen.
  „Genau so war es bei den anderen auch“, sagte er noch, dann sauste die Klinge in Zeitlupe auf mein Shirt zu.
  Mein Schrei wurde von seiner glitschigen Handfläche unterdrückt. Aber das Messer durchtrennte nur mein Shirt und meinen BH, bis ich genauso entblößt wie Linda war. Erst dann begann der Horror. Nach drei Stichen in den Bauch und zwei in Höhe der rechten Brustwarze verlor ich das Bewusstsein. Die Dunkelheit um mich herum nahm zu, wurde noch schwärzer bis ich weder hören noch sehen konnte. Und als ich zwischen den Welten schwebte, fragte ich mich nur, wieso alles so kurz gewesen war.

Kapitel 2

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