Leben und Sterben

„Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof…“

… Nur langsam kam ich vorwärts, die schrumpeligen Finger an den Gehstock geklammert. Je weiter ich ging, desto mehr füllten sich die Wege. Das junge Volk, all die Leute, die ein Ziel hatten, tagtäglich dasselbe, rauschten an mir vorbei. Sie hatten keine Ahnung, dass es nicht zählte, wie schnell man irgendwo ankommt, und dass sie eher früher als später versuchen würden, den Weg zu verlangsamen. Sie sahen mich nicht an, in dem Glauben, das Alter abhängen zu können, wenn sie es lange genug ignorierten. Sie waren Blinde! Gerne hätte ich jedem von ihnen den Stock zwischen die Füße gesteckt und ihr Stolpern gesehen. Doch es würde nichts nützen. Die Menschen änderten sich nicht. Jeder von ihnen war wertlos.
  Ich erklomm die Stufen und trat durch das große Portal des Gebäudes aus dem letzten Jahrhundert. Wer an Bahnhöfe als Orte unendlicher Möglichkeiten glaubt, war nie an einer Lokalstation gewesen. Die wenigen Linien, welche hier noch fuhren, lockten längst keine Touristen mehr an. Nur Pendler, die keine Wahl hatten, versammelten sich in dem renovierungsbedürftigen Komplex. Ich war keiner davon. Dieser Ort der Weiterführung, des Transportes sollte mir als Endpunkt dienen. Ja, ich hatte beschlossen, meinen Tod selbst zu bestimmen. Niemand interessierte sich für mich. Nicht die Kinder, die ich in die Welt gesetzt hatte und schon gar nicht deren verwöhnte Abkömmlinge. Mein Gesicht war lange eigefallen, das Zittern meiner Hände unaufhaltsam. Ich war entschlossen, es ihnen allen zu zeigen. Schmunzelnd dachte ich an die Gerüchte über diesen Ort, während ich die unendlichen Stufen zum Gleis hinaufstieg. Ich hätte nicht besser wählen können: Brände, unerklärliche Unfälle, einstürzende Teile der Dachkuppel … Morgen gäbe es eine neue Schlagzeige, da war ich mir sicher. Und ich wäre erhoben, von keinem Alter, von keinem Gott zu Grunde gerichtet, sondern selbst Herr über mein Schicksal.
  Der Dampfgeruch schien am Gleis festzuhängen, obwohl keine Lok zu sehen war. Ich war allein hier. Auf einer Bank vor der grau gewordenen Backsteinmauer krempelte ich den Ärmel meines Mantels hoch und warf einen Blick auf die Uhr, doch mir war die Zeit vollkommen egal. Sie spielte für mich keine Rolle mehr, ich war außerhalb ihrer Sphäre. Kein Plan stand hinter meiner Entscheidung und ich dachte darüber nach, ob es das einzige Spontane war, das ich jemals in meinem Leben getan hatte.
  Als der Zug kam, die wenigen Fahrgäste ausspuckte und seinen Weg fortsetzte, machte ich mich bereit, die alten Knochen ein letztes Mal zu beanspruchen. Gemächlich lief ich zum Ende des Bahnsteigs, den dicken Dampfschwaden folgend und zählte innerlich diejenigen auf, die mich enttäuscht hatten. Meine Frau Agathe, die die Dreistigkeit besessen hatte, vierzig Jahre vor mir zu gehen, meine drei Söhne Walter, Franz und Filip, die eine Tochter Johana, mein guter Freund Bartosz, das verräterische Stück, die Haushälterin, der Kutscher, Rosi, die Kellnerin, mein Pfarrer, der stets verspätete Gärtner, Doktor Miloc mit den ewigen Gesundheitstipps, der für seinen langen Oberkörper viel zu kleine Postbote, die schlecht gelaunte Zeitungsverkäuferin, all meine Enkel und ihre bescheuerten Haustiere, mein Bruder, seine Familie …
  Kein Schaffner hielt mich auf, als ich von plötzlicher Energie gepackt, über das niedrige Gitter kletterte. Vielleicht 200 Meter weiter machten die Schienen eine Biegung, stiegen an und führten dann über den Fluss. Diese Eisenbahnbrücke war die höchste. Es würde ein spektakulärer Sturz werden.
  Mit wilder Entschlossenheit arbeitete ich mich auf dem schmalen Streifen neben den Schienen vorwärts. Plötzlich kam ich viel schneller voran, so als wäre ich bereits von diesem gebrechlichen Körper losgelöst. Die dichten Häuserreihen verschwanden hinter mir sobald das Wasser in Sicht kam. Ich konnte den Schatten der Brücke darin sehen. Die Geräusche der Stadt wurden dumpf, verschwanden. Allerdings war mir die Stille ebenso zuwider, wie der ständige Lärm dieser neuwertigen Automobile. Deshalb erhob ich den Gehstock, den ich nicht mehr zu brauchen schien, und ließ ihn gegen das dürre Metallgerüst stoßen, welches mich von der Tiefe trennte. KLONG, ertönte es bei jedem Schritt, KLONG, meine eigene Trauermelodie. Ich war in der Mitte angekommen und wartete. Der Lokführer sollte mich bemerken und ich wollte einem nutzlosen Menschen, bevor das Ende kam, in die Augen sehen und ihn an meiner Erhabenheit teilhaben lassen. Ich hörte, dass sich der Zug näherte und stieg über das Geländer. Noch fanden meine Füße Halt, die Spitzen schwebten jedoch über der Leere. Ich löste meinen Blick und war wenig schockiert nicht mehr das schwarze Blau unter mir zu sehen. Stattdessen war die Welt um mich herum seltsam weiß geworden. Ich umklammerte das Geländer hinter mir fester und sah mich um. Etwas in mir war sich sicher, jetzt dem Schöpfer gegenüberzutreten. Doch nach mehrfachem Blinzeln musste ich feststellen, dass es mein eigenes Antlitz war, in das ich blickte.
  Das versaute mir den ganzen Tag. Fast versagten mir die wieder kraftlos gewordenen Finger. Stöhnend wendete ich mich ab, aber das Gesicht, mein Gesicht, folgte mir.
  „Ich will dich nicht anschauen.“ Die Zunge war mir schwer. Genug hatte ich von den durchdringenden Augen, nicht sie wollte ich als Letztes sehen. Wie durch ein Fenster wurden im Nebel die Dächer der Stadt sichtbar. Die Alt- und die Neustadt konnte ich erkennen, den Fluss, nur diesmal unendlich weit weg und die umgebenden Weinberge. Ich entdeckte mein Haus, in das ich niemals zurückzukehren gedachte, klein wie das Spielzeug eines Kindes.
  Das Gesicht sprach: „Du bist genau wie alle anderen. Nichts Besonderes, nur ein Mensch, der Angst vor dem Sterben hat.“
  Der Hass in meinen Augen brannte. „Wer bist du, dass du so mit mir redest?“
  „Ich bin dein Schöpfer.“ Kochende Wut presste mir die Luft aus den Lungen, erschwerte das Sprechen. Wo war der Sinn hinter dieser Farce?
  „Du bist nicht ich!“, presste ich hervor.
  „Und doch bin ich es. Denn du hast dich zu dem gemacht, was du heute bist.“
  Es war zu viel. Ich konnte es nicht mehr ertragen, wollte weder die Welt unter mir noch ihn (noch mich?) sehen. Also schloss ich die Augen. Aber ich konnte weiterhin alles hören.
  „Nur du bist verantwortlich! Du bist so verbittert, dass du alles und jeden hasst, aber an Bitterkeit kann man nicht sterben. Darum hast du dich entschieden, dein klägliches Leben selbst zu beenden, weil sich deiner sonst niemand erbarmen würde.“
  Mit letzter Kraft setzte ich mich zur Wehr und stieß diesen angeblichen Schöpfer von mir. Doch beim Öffnen der Augen war ich derjenige, der fiel.

Ich erinnere mich an die Kälte des Aufpralls, aber nicht daran, was danach geschah. Angeblich hat mich doch jemand beobachtet, wie ich die Brücke entlang geklettert bin, und dieser verdammter Idiot hat mich aus dem Wasser gefischt. Mehrfach habe ich sie verflucht, habe versucht, sie zu hassen, aber ich ergebe mich. Die Chance mich zu erheben, ist vertan und so werde ich wie sie alle leben und sterben müssen.

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