Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb.
Dieser Satz. Wieso immer wieder dieser Satz? Überall war er: An die Wände der öffentlichen Toilette geschmiert, beim Aufschlagen des Lieblings-Buches. Ich konnte ihm nicht entkommen. Er stand auf Briefumschlägen, Werbeplakaten, prang am Lichtspielhaus. Die Arbeit wurde mir unmöglich, da er in jeder Akte stand. Wieder und wieder wiederholten sich die gleichen Worte. Er war das Erste, was ich morgens las und das Letzte, das ich abends zu sehen bekam.
Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb. Was wollte mir dieser Satz mitteilen? Wieso hatte das Schicksal ihn mit mir verbunden? Meine Großeltern väterlicherseits waren noch am Leben. In der Familie war es nahezu ein Gesetz, die 80 zu erreichen. Ich sorgte mich. Eine Geschichte musste dahinterstecken. Einer anderen, mir völlig fremden Person, war der Großvater verstorben, als die Großmutter 72 Jahre alt war.
Ich versuchte mich loszureißen, kämpfte gegen die Fesseln des Satzes an und blieb doch gefangen. Verzweifelt lief ich umher, schlug einen Text nach dem anderen auf, aber selbst in meinem Tagebuch nur dieser eine Satz: Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb. Ich glaubte, den Verstand zu verlieren. Wusste nicht mehr, ob die Tage an ihrem Anfang oder Ende waren. Wie viele vergingen überhaupt, ohne dass ich etwas tat? Eigentlich wusste ich gar nichts mehr, nur, dass meine Großmutter 72 Jahre alt war, als mein Großvater starb. Aus was bestand die Welt noch, außer aus diesen Worten? War es vielleicht gar nicht mehr der Satz eines Fremden, sondern mein eigener?
Mein Kopf rechnete nach, suchte nach dem wahren Alter meiner Großmutter. Ich glaubte, sie wäre 71, sah in dem Satz plötzlich eine Warnung, eine Vorausdeutung auf den baldigen Tod meines Großvaters, den ich sehr liebte. Zumindest fühlte es sich so an, als hätten wir einst eine innige Beziehung gehabt, vor diesem Satz, vor der Verwirrung. Da waren dunkle Erinnerungen an Spaziergänge auf dem Land, an Lämmchen und Vanillepudding. Aber selbst wenn ich wusste, was kommen sollte, war mir schleierhaft, wie ich helfen könnte. Niemals würde ich mir anmaßen, ein Meister über den Tod zu sein. Ich wollte es mir aufschreiben, das Alter meiner Großmutter, wollte mir merken, wieso ich diese Folter durchlebte. Krampfhaft und mit zittriger Hand zwang ich mich zu den zwei Zahlen und als ich später auf das Blatt blickte – oder war es sogleich, nach dem Aufschreiben? – war darüber ein Satz: Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb.
Heute stehe ich vor seinem Grab, eine greise Hand auf meiner Schulter, schaue zu, wie der Sarg langsam in der feuchten Erde versenkt wird, während die Sonne heiß vom Himmel strahlt und weiß nur eins zu sagen: Meine Großmutter war 72 Jahre alt, als mein Großvater starb.

Hinterlasse einen Kommentar